Der ADFC-Fahrradklima-Test 2014: Die Nextkassel-Auswertung für Deine Stadt

Vergangene Woche veröffentlichte der ADFC die Ergebnisse des Fahrradklima-Test 2014. In Kooperation mit dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (ehemals BMVBS) wurden über 100.000 Menschen befragt. Dieser Test wird alle zwei Jahre durchgeführt und ist bereits der Fünfte seiner Art.

Mit einer im Bundesvergleich hohen Anzahl von 499 Befragten (das entspricht 26 Teilnehmern pro 10.000 EW) landete Kassel im guten Mittelfeld des Rankings der Vergleichsstädte von 100.000 bis 200.000 Einwohnern. In diesem Ranking belegt Kassel den Platz 14 von 37 Städten.

Vergleicht man die einzelnen Themenfelder mit den Vergeichsstädten, fällt Kassel insbesondere negativ auf in Bezug auf das “Fahrrad- und Verkehrsklima”, die “Sicherheit beim Fahrradfahren” sowie auf den “Stellenwerte des Fahrradverkehrs”.
Die Themenfelder “Komfort beim Radfahren” und “Infrastruktur Radverkehrsnetz” fallen eher positiv auf. Bei letztgenannten Themen kann sich Kassel im Vergleich mit der Top-Stadt Erlangen ohne Weiteres behaupten.

Schaut man in die Einzelfragen hinein ergeben sich relativ klare Handlungsansätze für Kassel:

Fahrrad- und Verkehrsklima
In Kassel scheint – nach Auffassung der Befragten – der Fahrradfahrer eine störender Faktor im Stadtbild zu sein. Die Befragten fühlen sich nicht als gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer akzeptiert und auch nicht erwünscht: Weder die Presse unterstützt das Fahrradfahren, noch gibt es irgendwelche Kampagnen/Werbung die das Fahrradfahren befördern und somit Akzeptanz schaffen könnten. In Kassel Fahrrad zu fahren wird eher mit Stress verbunden als mit Spaß.

Sicherheit beim Fahrradfahren
Die Befragten äußern in diesem Themenblock sehr eindeutig, dass die Sicherheit des Fahrradfahrenden in Kassel zu kurz kommt. Nicht nur auf Mischverkehrsflächen und im Straßenraum, sondern auch und insbesondere auf den Radwegen der Stadt fühlen sich die Befragten nicht sicher. Im Städtevergleich werden hier Werte angegeben die deutlich im unteren Drittel des Rankings liegen. Allgegenwärtig scheinen auch Konflikte mit dem KfZ-, aber auch dem Fußgängerverkehr zu sein. Auch hier wird Kassel sehr negativ bewertet und landet im Ranking im unteren Drittel.

Stellenwerte des Fahrradverkehrs
Besonders auffällig sind in diesem Bereich keine Werte. Hier ist Kassel einfach kein Glanzlicht, es lassen sich aber auch nicht unmittelbar Handlungsbedarfe ableiten.

Komfort beim Radfahren
Positiv hervorzuheben ist in diesem Fragenblock insbesondere die Oberfläche und der Zustand der Radwege sowie die Möglichkeit der Mitnahme von Fahrrädern im Öffentlichen Nahverkehr. Ebenfalls hervorzuheben ist die Qualität der Abstellanlagen, was aber ggf. zu relativieren ist. Da in Kassel relativ wenige Menschen Fahrrad fahren, werden auch vergleichsweise wenige Abstellmöglichkeiten benötigt. Würde also der Fahrradverkehr in Kassel steigen, würde sich dieser Wert, so denn keine zusätzlichen Stellplätze eingerichtet würden, schnell ins negative abrutschen. Negativ fällt in der Befragung auf, dass die Breite der Fahrradwege in Kassel unzureichend ist. Hier wird wieder ein Wert erreicht der sehr deutlich im unteren Drittel des Rankings zu verorten ist. Auch negativ bewertet wird die Radwegeführung an Baustellen, was jedoch rankingübergreifend für alle Städte gilt.

Infrastruktur Radverkehrsnetz
Bei der näheren Betrachtung der letzten Kategorie differenziert sich das anfänglich positive Bild etwas. Das einzig wirklich herausragende positive Merkmal Kassels in der Befragung ist das Fahrradverleihsystem Konrad. In dieser Frage ist Kassel die weit vor dem Hauptfeld rangierende Nummer 1 im Ranking. Das Fahrrad-Leit-System wird ebenfalls als eher positiv bewertet und landet im ersten Drittel des Rankings. Die weiteren Fragen zur Erreichbarkeit des Stadtzentrums und zum zügigen Radfahren liegen dagegen eher unter dem Durchschnitt.

Fazit ADFC-Fahrradklima-Test
Kassel schafft es, durch das Verleihsystem Konrad und die vereinfachte Mitnahme von Fahrrädern im ÖPNV zu punkten. Allerdings basieren diese Punkte auf Förderung durch Bundesmittel bzw. auf Landesregelungen. Lässt man diese Punkte beiseite und betrachtet lediglich die essenzielle Grundausstattung, findet sich Kassel eher im unteren Mittelfeld des Rankings wieder.
Die wichtigsten Handlungsansätze liegen, glaubt man den Befragten, in der Erhöhung der Sicherheit für Radfahrer und in der Implementierung einer optimistischeren Grundhaltung in der Stadtgesellschaft gegenüber dem Fahrradfahren an sich.

Unsere eigene Befragung
Auch Nextkassel hat im Herbst eine eigene Befragung zum Fahrradklima in Kassel durchgeführt. Weitestgehend decken sich die Ergebnisse mit der ADFC-Befragung. Bis heute haben 193 Personen aus der Nextkassel-Community teilgenommen.

Auch unsere Befragung macht deutlich, dass sich die Befragten in Kassel eher unsicher auf dem Fahrrad fühlen. Die größte Gefahr sehen sie im PKW-Verkehr und darin, dass die Fahrradwege zu schmal sind. Über 80% der Befragten geben diese Gefahren an. Eine signifikante Menge von 45% der Befragten merken aber auch an, dass Hindernisse und Mängel auf Fahrradwegen vorhanden sind, die das Fahrradfahren in Kassel gefährlich machen. Wendet man den Blick darauf, was das Fahrradfahren in Kassel angenehmer machen würde, sagen immerhin noch 58% der Befragten, dass sie mehr Fahrradfahren würden wenn Fahrradfahren sicherer wäre und es mehr Fahrradwege (wir interpretieren das im Sinne einer klaren Trennung vom PKW- und Fußgängerverkehr) gäbe. Der Aspekt der Sicherheit steht hier ganz deutlich an der Spitze.

Für unsere Befragten ist Konrad ebenfalls ein wichtiger Aspekt des Kasseler Fahrradverkehrs. Immerhin 51% geben an dass sie Konrad gelegentlich spontan nutzen oder damit sogar das eigene Fahrrad ersetzen.
Zu beachten ist allerdings dass unsere Befragten sehr stark universitär und studentisch geprägt sind. 40% nutzen das Rad primär um zur Uni zu fahren. 25% für den Weg zur Arbeit.
Viele unserer Befragten fahren viel Fahrrad (80% täglich), 85% besitzen ein eigenes Fahrrad und sollten sich daher in Kassel auskennen.

Und was ist mit den Ergebnissen von Nextkassel Masterplan Fahrrad?
Das Team sitzt zur Zeit an der Auswertung der auf der Bike-Expo eingegangenen Stimmen. An den drei Stationen zum Fahrrad-Verkehrsnetz, zur Gestaltung von Kreuzungen und zum fahrradfreundlichen Quartier sind einige Stimmen eingegangen. Das Thema Sicherheit schwingt dabei in allen Bereichen mit. Während das Verkehrsnetz-Team sich intensiv mit routenspezifischen Vorrangregelungen für das Fahrrad auseinander setzt, steht insbesondere bei der Betrachtung von großen, zentralen Kreuzungen Kassels das Thema Sicherheit ganz oben. Und auch im Quartier wird die Sicherheit mitgedacht, wenn auch etwas anders: Der Fokus liegt auf dem sicheren Stellplatz für das eigene Fahrrad und darauf die Wohnung und Arbeitsplatz sicher an die schnellen Fahrradverbindungen der Stadt anzubinden. Bis Ende März sollten die Ergebnisse des Teams vorliegen.

Ein Kommentar

  1. Von M Rothhämel
    am

    In der Kölnischen Straße sind Schutzstreifen markiert, da nicht ausreichend viel Platz für einen Fahrradweg ist. Der Schutzstreifen ist weniger als 1,5m breit. Rechts parken Autos, von denen ein Radfahrer ca. 1m Sicherheitsabstand halten soll (Lenkeraußenkante). Beim Überholen sollen Autofahrer zu radfahrern einen Seitenabstand von ca 1,5m einhalten.
    Der Schutzstreifen (dessen Bezeichnung eigentlich schon ein Absurdum ist) verleitet einerseits den Radfahrer sich innerhalb dieses Streifens aufzuhalten, was gefährlich ist, da er zu nah an parkenden Autos fährt.
    Die Autofahrer werden dazu animiert, weniger Seitenabstand zu halten, da die Markierung des Schutzstreifen ja suggeriert, dass auf der einen Seite der Markierung die Fahrradfahrer und auf der anderen Seite die Autofahrer fahren sollen. Der seitliche Sicherheitsabstand wird kleiner.
    Wie soll der Schutzstreifen da schützen?
    Und wie soll sich ein Fahrradfahrer da sicher fühlen?

    Das Straßenverkehrsamt Kassel schrieb im März 2011, dass der Schutzstreifen überwiegend gut angenommen würde.
    Ich frage mich, von wem? Von Autofahrer, da diese jetzt guten Gewissens eher überholen konnten?
    Im Fahrradklimatest haben 499 Befragte eher das Gegenteil geantwortet.

    Mein Tip an das Straßenverkehrsamt Kassel: Schaffen Sie sich ein Pedelc an, das 28km/h schafft und fahren Sie damit im Berufsverkehr die Stadt ab. Machen Sie sich einen Eindruck wie sicher Sie sich fühlen und überlegen Sie dann, wie das Straßenbild aussehen müsste, damit man sich als Radfahrer sicherer fühlt.

    //M Rothhämel

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